Material und Präsenz.

Zur Architektur des Bades von Peter Zumthor.

Berg, Stein, Wasser – Bauen im Stein, Bauen mit Stein, in den
Berg hineinbauen, aus dem Berg herausbauen, im Berg drin-
nen sein –, wie lassen sich die Bedeutungen und die Sinnlichkeit,
die in der Verbindung dieser Wörter steckt, architektonisch
interpretieren, in Architektur umsetzen? Entlang diesen Frage-
stellungen haben wir das Bauwerk entworfen, hat es Schritt für
Schritt Gestalt angenommen.

In der Art eines rechtwinklig ausgelegten Höhlensystems mäan-
dert ein zusammenhängender Innenraum durch die aus
grossen freistehenden Steinblöcken bestehende Grundstruktur
des Bades. Dieses Raumkontinuum entwickelt sich von intimen
und abgedunkelten Raumpassagen auf der Bergseite, durch
die man das Bad betritt, zu immer grösser werdenden Hohlräu-
men, die nach vorne ans Tageslicht und zur Aussicht führen.
Der Aussenraum dringt hier in das Gebäude ein. Die grossartige
Landschaft des gegenüberliegenden Talhanges, architektonisch
gerahmt in riesigen Bildern, strömt ins Innere.

Von aussen betrachtet erscheint das Gebäude als Ganzes wie
ein grosser, durchlöcherter Stein. Präzise geschnitten dort,
wo dieser mächtige «Stein» aus der Hangkante herausragt, wird
die angeschnittene Struktur des Steines zur Fassade.

Und dieser «Stein» ist aus Stein gebaut. Eine durchgehende
Schichtenfolge aus Natursteinen; Valser Gneisplatten, in vielen
Lagen aufeinandergeschichtet, abgebaut im etwas weiter tal-
einwärts gelegenen Steinbruch, bestimmen Schnitt und Aufriss
des ganzen Gebäudes.

Die Steinplatten und der Beton der Wände sind miteinander ver-
zahnt und vergossen und bilden so eine statisch wirksame
tragende Konstruktion, ein Verbundmauerwerk. Diese Wand-
konstruktion wurde, inspiriert von älteren Stützmauern an
Bergstrassen, speziell für das Gebäude entwickelt. Steinplatten-
verkleidungen gibt es im ganzen Gebäude keine.

Die einheitliche Steinschichtung, die überall durchgehenden
Steinlagen bewirken einen starken monolithischen Eindruck. 
Alle Höhenmasse der Fussböden, der Beckenböden, 
Decken, Treppen, Steinbänke und Türöffnungen sind aus 
durchgehendem Schichtungsprinzip abgeleitet.

Man sieht es gut an den Uebergängen vom Boden zur Wand
oder von der Wand zur Decke: Schicht lagert über Schicht.
Auch die Öffnungen und Fugen für die Wasserabdichtung der
Becken und Böden, die Beckenüberläufe, die Reinigungs-
abläufe, die Zu- und Abluftöffnungen, die Wärmedämmung, das
Liniennetz der Bewegungsfugen des Bauwerkes sind dem
monolithisch-homogenen Eindruck der Gesamtstruktur zuliebe
so ausgelegt, dass sie entweder aufgehen im Muster der
Schichtung und Fügung der Steinmasse (Wasserüberläufe,
Putzrinnen, vertikale Bewegungsfugen usw.) oder in die Massen
der Wände und Decken integriert werden konnten (Abdich-
tungen, Wärmedämmung, horizontale Bewegungsfugen usw.).

So war nach Abschluss der Rohbauarbeiten das Gebäude
eigentlich schon fast fertig und zeigt auch das fertige Bad nur
wenige zusätzliche Details, die sich direkt aus ihrer Funk-
tion erklären, wie die aus der Masse des Steinbodens heraus-
gearbeiteten Wasserrinnen, die wie Schmuckstücke bewusst
gesetzten Armaturen der Handläufe und Haltestangen aus
Bronze oder die das Mauerwerk durchstossenden Messing-
rohre, aus denen das natürliche oder aufbereitete Ther-
malwasser in die verschiedenen Becken und Rinnen fliesst.

Der Beton, dieses steinige Material, der samtweichen Ober-
flächen wegen in glatten Sperrholzformen gegossen,
stammt aus Ilanz. Die rund 3000 Kubikmeter Valser Gneis,
zum ersten Mal in einem Bauwerk dieser Grösse als tra-
gendes, die Tektonik und Erscheinung bestimmendes Bau-
material verwendet, wurde je nach den Anforderungen
der Gebäudeteile in unterschiedlichen Oberflächenqualitäten
verarbeitet: gebrochen, gespalten, gesägt, sandgestrahlt,
geschliffen, poliert.

Das blaue Glas nennen wir «Muranoglas». Es stammt aus
Spanien.

schliessen